Gegenseitiges Besaugen

Verhaltenstörung oder Leerlaufhandlung?

Bei Kälbern, die von der Mutter aufgezogen werden, tritt ein gegenseitiges Besaugen in der Regel nicht auf. Bei mutterlos aufgezogenen Kälbern hingegen, ist das Besaugen von Artgenossen eine häufig auftretende Verhaltensauffälligkeit.

Die Körperhaltung beim gegenseitigen Besaugen ist die des Kalbes, wenn es an der Kuh saugt. Auch die Stoßbewegungen des Kopfes sind identisch. Dabei wird häufig an Maul, Ohren, Nabel, Schwanz oder Geschlechtsteilen anderer Kälber gesaugt. Bei männlichen Mastkälbern bzw. Fressern ist außerdem häufig ein ausgiebiges Urintrinken zu beobachten. Die sogenannten Dulder sind dabei meist immer dieselben Tiere.

Durch das gegenseitige Besaugen können bei den Duldern Verletzungen, Infektionen und Entzündungen auftreten, wobei die Sauger durch die Aufnahme von Haaren oder Urin häufig an Leberkrankheiten, Verdauungsstörungen oder Durchfall leiden. Abnehmende Tageszunahmen sind ein zwangsläufiges Resultat.

Mögliche Auslöser

Bestimmte Rassen haben eine besondere Veranlagung, so wurde beispielsweise bei Fleckviehtieren zu über 90% ein gegenseitiges Besaugen festgestellt. Auch die Fütterung beeinflusst die Häufigkeit der Besaugungen enorm. Kälber die nur zwei Mal täglich getränkt wurden und nicht ausreichend Raufutter zur Verfügung hatten, zeigten wesentlich öfter diese Verhaltensauffälligkeiten. Dabei fielen insbesondere Kälber, die nicht mit einem Nuckeleimer, sondern über einen Eimer getränkt wurden, vermehrt auf. 
Bei der mutterlosen Aufzucht wird der natürliche Saugtrieb der Kälber meist nicht vollständig befriedigt. In den folgenden 15 Minuten nach der Fütterung versichen sie deshalb das ausgelöste Saugbedürfnis, sofern nicht anders möglich, an den Artgenossen zu stillen.
Reizverarmung und Nachahmungstrieb verstärken dieses Verhalten zusätzlich. Auch Stress und Unwohlsein und schlechte Luft werden als mögliche Ursachen genannt.

Handlungsvorschläge

  • Nuckeleimer

Um den Saugreflex des Kalbes zu befriedigen, sollten die Kälber über Nuckeleimer getränkt werden. Um auch nach der Fütterung das Saugbedürfnis zu erfüllen, können Kunststoffzitzen oder Sauger mit einer geringen Wasserzufuhr, für einen „Erfolg“ beim Saugen, angeboten werden.  

  • Reduzierte Durchflussrate

Durch die Beschaffenheit des Nuckels kann der Milchfluss verlangsamt und die Tränkezeit verlängert werden. Bei Kälbern, die nach drei Minuten mit der Milchaufnahme fertig waren, wurde Besaugen anderer Kälber häufiger festgestellt, als bei Kälbern, die für die Milchaufnahme 12 Minuten benötigten.

  • Fixieren des Kalbes

Bei Kälbern, die während und nach der Tränke im Fangfressgitter fixiert und mit weiterem Futter, z.B. Heu ad libitum, versorgt  wurden, wurde kaum noch Besaugen beobachtet. In Kombination mit der Verwendung eines Nuckeleimers konnte das Besaugen fast komplett eingestellt werden.

  • Zugabe von Glukose

Kälber, deren Tränke mit zusätzlicher Glukose angereichert wurden, litten im Schnitt zu 75% weniger an der Verhaltensauffälligkeit. Durch die Zugabe von Glukose soll der Blutzuckergehalt vorzeitig angehoben und das Sättigungsgefühl der Kälber gesenkt werden. 2g Traubenzucker pro Tränke sind dafür bereits ausreichend.  

 

Quellen: Fraser und Broom, 1997; de Wilt, 1987; Grommers et al., 1977; Grauvogel, 1989; Zerbe, 1998; Meier, 1997; Albright and Arave, 1997