Nachgeburtsverhalten

Vorgeschichte mit Nachspiel

Bei einer gesunden Kuh lockert sich während der letzten Trächtigkeitstage die Nachgeburt enzymatisch von der Gebärmutter. Durch die Wehen der Geburt und das Reißen der Nabelschnur löst sie sich dann vollkommen ab, um mit den Nachwehen ausgeschieden zu werden. Durch das Ablecken des Kalbes wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, welches diesen Vorgang unterstützt.

Wird die Nachgeburt nach 12 bis 24 Stunden noch immer nicht ausgeschieden, spricht man von einem Nachgeburtsverhalten. Häufi g ist das Nachgeburtsverhalten offensichtlich, da die Eihäute noch aus dem Vaginalbereich der Kuh hängen. Nun ist rasches Handeln gefragt, denn ohne eine sofortige Behandlung kann es zu Folgeerkrankungen kommen. Nicht selten kommt es nach einem Nachgeburtsverhalten zu einer Ketose, Labmagenverlagerung oder durch Eindringen von Keimen und Bakterien zu einer akuten oder chronischen Gebärmutterentzündung. Die Trächtigkeitsrate bei diesen Kühen sinkt danach nicht selten um bis zu 15 Prozent.

Viele Kühe mit Nachgeburtsverhalten im Bestand?

Die Erkrankungsrate variiert je nach Betrieb sehr stark. Leiden im Bestand jedoch mehr als 10 % der Kühe an einem Nachgeburtsverhalten, sollten mögliche Ursachen analysiert und behoben werden. Die Faktoren lassen sich in drei wesentliche Kategorien einteilen: Mechanische Faktoren, Fütterungsfaktoren und Managementfehler.

  • Mechanische Faktoren

Ein abnormer Trächtigkeits- oder Geburtsverlauf kann ein Nachgeburtsverhalten begünstigen. Bei Frühgeburten oder einem Abort etwa, ist die Nachgeburt häufig noch nicht so weit, um ausgeschieden zu werden. Auch medikamentös eingeleitete Geburten oder eine falsche Geburtshilfe können dazu führen, dass sich der natürliche Ablauf der Geburt verkürzt und die Eihäute sich nicht richtig von der Gebärmutter lösen. Bei Schwergeburten oder einem Kaiserschnitt hat die Kuh meist keine deutlichen Nachwehen, sodass die Nachgeburt nicht ausgepresst werden kann.

  • Fütterungsfaktoren

Viele Kühe werden während der Trockensteherphase nicht optimal versorgt. Häufig wird zu wenig Aufmerksamkeit auf die richtige Zusammensetzung der Trockensteherration gelegt. Minderwertige Futtermittelqualität dämpft die Fresslust der Kühe, wodurch die Leber belastet und der Stoffwechsel gestört wird. Die enzymatische Ablösung der Nachgeburt kann so nicht stattfinden. Auch ein eingeschränkter Zugang zu Wasser oder schmutzige Tränken führen dazu, dass die Kühe weniger trinken und als Folge dessen erheblich weniger fressen. Durch verschmutztes Wasser nehmen die Tiere außerdem Toxine auf, die die körpereigene Abwehr stören. 

Der wohl häufigste Fehler in der Rationierung ist der falsche Einsatz von Mineralien und Vitaminen. Damit die Nachgeburt abgeht, muss die Kuh mit ausreichend Magnesium und Phosphor versorgt werden, welches in speziellen Trockensteher- Mischungen verfügbar ist. Auch Spurenelemente, wie Selen und Vitamine A und E sind für die Ablösung der Eihäute notwendig. Um Milchfieber vorzubeugen, sollte die Trockensteherfütterung kalziumarm sein und der Kuh dann
kurz nach der Geburt reichlich Kalzium, z.B. in Form einer kalziumreichen Energie- Tränke wie Farm-O-San Reviva, zugeführt werden.

  • Managementfehler

Ein wichtiger Aspekt des Managements ist die regelmäßige Kontrolle des Body Condition Scores (BCS) der trockenstehenden Kühe. Konditionsschwankungen sollten während der geburtsvorbereitenden Zeit unbedingt vermieden werden. Besonders zu fette Kühe leiden oftmals an Stoffwechselstörungen wie Ketose, Fettleber und Milchfieber oder haben mit zu großen Kälbern und Schwergeburten zu kämpfen. Auch der Kuhkomfort bei Trockenstehern spielt eine große Rolle. Ein enger Liegeplatz oder zu wenig Platz am Fressgitter behindern die tragenden, etwas schwerfälligen Tiere am Fressen und Aufstehen. Ein rutschiger Boden erhöht das Risiko, dass die Tiere stürzen und sich und ihr ungeborenes Kalb verletzen. Bei einer Überbelegung des Trockensteher- Abteils leiden besonders rangniedrige Tiere. Kühe die vor, während oder nach der Geburt unter Stress stehen, erleiden weitaus häufiger ein Nachgeburtsverhalten. Die Trockensteher sollten also möglichst ruhig, stressfrei und in einer großzügigen, frischeingestreuten Box untergebracht werden. Auch während des Abkalbens ist eine ruhige und hygienisch saubere Geburtsumgebung selbstverständlich. 

Es sollte außerdem darauf geachtet werden, dass die Kuh nach der Geburt die Möglichkeit bekommt, ihr Kalb abzulecken. Das dabei ausgeschüttete Hormon Oxytocin fördert die Ablösung der Nachgeburt zusätzlich. 

Kurzum: Je kürzer die Trächtigkeit und komplizierter die
Trockensteherphase und die anschließende Geburt, desto häufiger
kommt es zu einem Nachgeburtsverhalten. Suchen Sie also nach
den Ursachen vor, während oder nach der Geburt und behalten
Sie Ihre Kühe nach dem Abkalben genau im Auge.

Mehr Infos zum Trockenstehermanagement und BCS finden Sie hier