Warum kriegen wir die Kälberverluste nicht in den Griff?

Die Kälberverluste sind in den letzten Jahren gleichbleibend hoch geblieben, dabei wurde noch nie so viel Wert auf die Kälberaufzucht gelegt wie heute. Wissen wir doch alle: Ein guter Start bestimmt die spätere Lebensleistung.

Aber ist es nur die Fütterung, die die Entwicklung des Kalbes beeinflusst oder liegen die Schwachstellen ganz woanders?

Das Liebig´sche Minimumprinzip

Kälbergesundheit ist ein multifaktorielles Geschehen. Stellen wir uns die Kälberaufzucht einmal am Beispiel des Minimumprinzips vor, bei dem jeder Faktor ein Längsholz eines Fasses darstellt. Ganz gleich, welches Längsholz das kürzeste ist, das Fass kann nie über dessen Höhe hinaus gefüllt werden. Gleiches gilt für

die Kälberaufzucht: Wird ein Faktor des Gesamtkonzeptes nicht bedacht, funktioniert die Aufzucht gesunder Kälber nur bedingt. Das Kalb kann sich nur so weit
entwickeln, wie es die knappste Ressource erlaubt. Die Kälberfütterung, Tränkmenge und -zusammensetzung ist in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gerückt.
Eine Untersuchung zahlreicher Betriebe zeigte jedoch, dass das Thema Abkalbung/ Abkalbebox, Kolostrumversorgung und Hygiene in den Kälberiglus/ -boxen noch einige Schwachstellen darstellt.

Die Evolution liefert eine geniale Methode

Bereits im Mutterleib wird das Kalb auf die Geburt und die Umgebung, in die es hineingeboren wird, vorbereitet. Die Kuh bildet spezifische Antikörper gegen die Keime in ihrer Umwelt. Diese Antikörper sind später auch im Kolostrum enthalten, um dem Neugeborenen einen optimalen und individuellen Immunstatus zu verschaffen. Womit die Evolution jedoch nicht gerechnet hat, ist unsere Stallhaltung.
Eine hohe Tierdichte und damit konzentriertere Erregerbelastung, unsaubere Abkalbebereiche oder mangelnde Tränkehygiene durchbrechen das System der Evolution. Wir sind also dazu aufgerufen, uns dieser Tatsachen bewusst zu sein und die Natur hier bestmöglich zu unterstützen.

Sauberer Kreißsaal

Der Erregerdruck für die neugeborenen Kälber muss so gering wie möglich gehalten werden, um eine Infektion zu verhindern. Die Abkalbebucht sollte fern von kranken Tieren und so sauber wie möglich sein. Das setzt ein regelmäßiges Ausmisten, Reinigen und Desinfizieren (mit cresolhaltigen Mitteln) sowie großzügiges Einstreuen voraus. Schließlich soll der Kreißsaal, in dem das Neugeborene
zur Welt kommt, hygienisch rein sein. Kälber sind sensibel und empfindlich. Sie sind durchaus mit Babys zu vergleichen. In den ersten Wochen steht also nur
eines im Vordergrund: Das Kalb soll mit ausreichen Nahrung versorgt und von äußeren Einflüssen, wie Hitze, Kälte, Stress und Krankheiten ferngehalten werden.
Das Kalb muss direkt nach der Geburt (innerhalb der ersten zwei Lebenstunden) mit reichlich sauberem Kolostrum versorgt werden. Die Qualität der Biestmilch sollte vorab kontrolliert werden. Auch die Sauberkeit der Utensilien (Melkkanne, Eimer, Flasche) ist enorm wichtig. Anschließend zieht das Kalb in seine Kinderstube ein. Auch hier ist Hygiene das oberste Gebot. Sorgen Sie für reichlich sauberes Einstreu und reinigen Sie die Iglus nach jedem Durchgang gründlich mit entsprechenden Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Sie würden doch auch nicht auf die
Idee kommen, Ihr Baby „abzuhärten“, oder?

Der Aufwand wird belohnt

Mit Einhaltung solcher peniblen Maßnahmen lässt sich die Kälbergesundheit enorm verbessern und die Kälberverluste nehmen deutlich ab. Werden die Kälber nun noch hochwertig gefüttert und mit zusätzlichen Nährstoffen versorgt, entwickeln sich leistungsfähige Kühe.
Natürlich ist das Hygienemanagement mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Trotzdem sollten diese Arbeitsschritte in der täglichen Routine verankert werden. Kontinuität und Konsequenz werden schon bald mit gesunden Kälbern und weniger Medikamenteneinsatz belohnt.
(Quelle: Dr. I. Steinhöfel „Kälberhaltung neu überdenken“)